MeteoSchweiz

Aktuelles zum Wettergeschehen

02. Juli 2009 / Marco Stoll, Andreas Hostettler, Daniel Gerstgrasser

 

Wasserhose über dem Zugersee

 

Anmerkung: der Beitrag wurde am 6. Juli 2009 nachträglich ergänzt, siehe letzter Absatz ganz unten.

 

Am Samstag 20. Juni 2009, kurz nach 08 Uhr, konnte Thomas Reich diese seltene Erscheinung über dem Zugersee beobachten und fotographisch dokumentieren. Er hat uns nachträglich die Bilder geschickt und zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt:

 

Abbildung 1: Wasserhose über dem Zugersee, aufgenommen von Thomas Reich. Standort Autobahn A4 mit Blick nach Osten in Richtung Walchwil, am 20. Juni 2009 um 0801 Uhr Lokalzeit.

Abbildung 1: Wasserhose über dem Zugersee, 20.6., 08.01 Uhr. Standort Autobahn A4 mit Blick nach Osten in Richtung Walchwil (Foto: Thomas Reich)

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Abbildung 2: Wie in Bild 1, im Vordergrund kann man klein einen Windsurfer erkennen, der das Spektakel aus mutiger Nähe verfolgt, ob freiwillig oder unfreiwillig bleibt Spekulation! Fotographiert von Thomas Reich.

Abbildung 2: Wie in Bild 1, im Vordergrund kann man klein einen Windsurfer erkennen, der das Spektakel aus mutiger Nähe verfolgt, ob freiwillig oder unfreiwillig bleibt Spekulation! (Foto: Thomas Reich)

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Analyse der Wettersituation und mögliche Ursachen der Entstehung der Wasserhose

Die grossräumige wie auch die lokale Wettersituation wies einige typische Merkmale auf, welche die Bildung von Wasserhosen begünstigen. Die Boden- und Höhenwetterkarte vom Samstag 20. Juni sind in den Abbildungen 3 und 4 gezeigt. An der Ostflanke eines Hochs floss feuchte und kühle Polarluft zur Alpennordseite ein. Die Höhenströmung, repräsentiert durch das 500hPa-Niveau (etwa 5500 m ü. M.), ist durch einen Langwellentrog gekennzeichnet, dessen Achse sich von Skandinavien über die Alpen bis in den zentralen Mittelmeerraum erstreckt.

 

Abbildung 5 zeigt eine Wetterkarte mit Mittelwerten (weisse Linien) des Bodendrucks und der 500hPa-Strömung (schwarze Linien) von 5 Wasserhosen-Situationen über dem Bodensee – Auffallend sind die analogen Strömungmuster in allen untersuchten Fällen.

 

Abbildung 3: Bodenwetterkarte vom Samstag 20. Juni 2009 um 12 UTC

Abbildung 3: Bodenwetterkarte vom Samstag 20. Juni 2009, 12 UTC

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Abbildung 4: Höhenwetterkarte 500hPa (etwa 5500 m ü. M.) vom Samstag 20. Juni 2009 um 12 UTC

Abbildung 4: Höhenwetterkarte 500hPa (etwa 5500 m ü. M.) vom Samstag 20. Juni 2009, 12 UTC

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Abbildung 5: Mittlere Druckverteilung am Boden (weiss) und auf 500hPa (schwarz), sowie relative Topographie 500-1000hPa (farbig) für 5 verschiedene Tage mit Wasserhosen am Bodensee. Datenquelle: NCEP Reanalysen, numerisches Modell des US-Amerikanischen Wetterdienstes.

 

Wenn die bodennahen Luftmassen hinreichend angefeuchtet und gleichzeitig labil geschichtet sind, bildet sich im Bereich der Trogachse oft markante Quellbewölkung mit tiefer Wolkenbasis, so auch an diesem Tag. Die Radiosondierung von 02 Uhr Lokalzeit, zusammen mit einer skalierten Aufnahme der SwissMetNet Kamera in Goldau, ist in Abbildung 6 dargestellt. Der Temperaturverlauf in den untersten Luftschichten zeigt eine neutrale bis labile Schichtung der Luft bzgl. Vertikalbewegungen. Der Taupunkt deutet vor allem in unmittelbarer Bodennähe auf ein hinreichendes Feuchteangebot hin, was für die Entwicklung von Quellbewölkung wichtig ist. Auf rund 2800 Metern Höhe befindet sich eine markante Inversion, welche den Luftmassenaustausch zwischen der Grundschicht und den darüber befindenden höheren Schichten weitgehend verhindert.

 

Abbildung 6: Temperatur- (rote Kurve) und Taupunktprofil (rosarote Kurve) der Radiosonde Payerne vom 20. Juni 2009, 00 UTC. Beigefügt ist ein webcam-Bild von Goldau, mit Blick nach Norden in Richtung Zugersee, von 0800 Uhr Lokalzeit ? etwa zum Zeitpunkt der Wasserhosen-Beobachtung.

Abbildung 6: Temperatur- (rote Kurve) und Taupunktprofil (rosarote Kurve) der Radiosonde Payerne vom 20. Juni 2009, 00 UTC. Beigefügt ist ein Kamera Bild von Goldau, mit Blick nach Norden in Richtung Zugersee, von 0800 Uhr Lokalzeit. Auf folgender Bildanimation der Wetterkamera Goldau ist die Quellwolkenentwicklung über dem Zugersee zum Zeitpunkt des Auftretens der Wasserhose dargestellt:

Animation Kamerabilder Goldau_3MB.gif, 2.9 MB
Das Kamerabild der Wolke über dem Zugersee im linken Bildteil wurde so skaliert, dass die Wolkenhöhe in etwa mit dem Radiosonden-Profil übereinstimmt. Die Wolke weist einen ausgeprägten Aufwindbereich genau über dem Zugersee auf, erkennbar an der dunklen Wolkenunterseite. Die kräftigen Quellungen im mittleren und oberen Teil der Wolke deuten auf starke Aufwinde hin, („Blumenkohl“-Form). Bedingt durch das deutlich wärmere Seewasser im Vergleich zur umliegenden Landfläche sowie der praktisch windstillen Situation in Bodennähe, herrschten in der sehr labilen Luftschichtung somit optimale Voraussetzungen für ein schnelles und kräftiges Wachstum der Quellwolke; ein weiteres wichtiges Element, das bei vergleichbaren Wasserhosen Fällen ebenfalls beobachtet werden konnte. Im oberen Teil der Wolke treffen die Aufwinde an die Inversionsschicht, welche sie am weiteren Aufsteigen hindern. Die Luft muss horizontal „ausweichen“, so entstehen die zahlreichen dünneren Wolkenfetzen im Umfeld der dicken Quellwolke. Nebst dieser oben gezeigten Quellwolke muss auch das lokale Windfeld um den Zugersee betrachtet werden, um weitere Ursachen der Entstehung der Wasserhose zu finden.

 

Abbildung 7: Analyse des Bodenwindfeldes in der Zentralschweiz am 20. Juni 2009, um 0610 UTC (0810 Uhr Lokalzeit). Die rund um den Zugersee vermutlich herrschenden Bodenströmungen sind schematisch mit gestrichelten Pfeilen eingezeichnet.

Abbildung 7: Analyse des Bodenwindfeldes in der Zentralschweiz am 20. Juni 2009, um 0610 UTC (0810 Uhr Lokalzeit). Die rund um den Zugersee vermutlich herrschenden Bodenwinde sind schematisch mit gestrichelten Pfeilen eingezeichnet.

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Die am Boden um 0610 UTC gemessenen Winde sind in Abbildung 7 dargestellt. Die Windgeschwindigkeiten waren zu diesem Zeitpunkt sehr schwach, was sich auch in der spiegelglatten Seeoberfläche in den Bildern 1 und 2 widerspiegelt. Auf Grund der Windwerte in tiefen Lagen im weiteren Umfeld des Zugersees, lässt sich eine Windkonvergenz (zusammenfliessende Strömung) über der Region des Zugersees feststellen.

 

Dies mag, neben den im Vergleich zur Umgebung relativ hohen Wassertemperaturen, mit eine Ursache für die markante Quellwolkenentwicklung gewesen sein. Eine weiteres wichtiges Element für die Entstehung von Wasserhosen ist die Bildung von Luftwirbeln im Bereich von konvergenten Windströmungen. Diese sind in der Anfangsphase von blossem Auge nicht sichtbar. Aus theoretischen, physikalische Überlegungen kann man herleiten, dass sich ein solcher Wirbel in der Horizontalen zusammenzieht, wenn er vertikal durch kräftige Aufwinde in die Länge gezogen wird (engl. „vortex stretching“).

 

Genau das kann im Bereich der oben diskutierten Quellwolke, der Fall gewesen sein: der Aufwind der Wolke hat einen sich darunter befindenen Wirbel in die Länge (besser in die Höhe) gezogen und gleichzeitig kontrahiert, und die Rotationsgeschwindigkeit im Wirbel hat sich als Folge davon erhöht – das Pirouetten-Prinzip. Dies wiederum führt zu einem absinkenden Druck im Inneren des Wirbels, und wenn der Druck genügend tief fällt, setzt Kondensation des in der Luft vorhandenen Wasserdampfs ein. In dem Moment wird der „Wirbelschlauch“ in Form einer Wassersäule von Auge sichtbar. Der ganze Prozess ist schematisch in Abbildung 8 für den ausgeprägteren Fall eines Tornados gezeigt.

 

Abbildung 8: Schematische Darstellung der Entstehung eines Tornados, bzw. einer Wasserhose entlang einer Konvergenzlinie in Folge Wirbelstreckung. (Quelle: Bernold Feuerstein, European Severe Storms Laboratory e. V., modifiziert. Original-Publikation von R. M. Wakimoto und J. W. Wilson, 1989: Non-Supercell Tornadoes. Monthly Weather Review.)

Abbildung 8: Schematische Darstellung der Entstehung eines Tornados, bzw. einer Wasserhose entlang einer Konvergenzlinie in Folge Wirbelstreckung. (Quelle: Bernold Feuerstein, European Severe Storms Laboratory e. V.)

Offene Fragen

Trotz der erläuterten Konzepte welche in diesem Fall als Erklärung passen, bleiben zum Phänomen der Wasserhosen viele offene Fragen: Welche Rolle spielt der See? Welche die nahen Hügel- und Gebirgszüge? Gibt es einen Zusammenhang mit Niederschlag? Wie hängt das grossräumige Wettergeschehen mit dem sehr kleinräumigen Phänomen zusammen? Kann man Wasserhosen vorhersagen?

Im Gegensatz zu vielen anderen Wettererscheinungen gibt es in der Schweiz kaum systematische Untersuchungen über Wasserhosen. Trotzdem existieren Beobachtungen und sogar fotographische Dokumentationen und das nicht nur seit dem Zeitalter der Digitalfotographie. So stammt wohl eines der ältesten Bilddokumente, welches eine Wasserhose zeigt, vom Zugersee. Der Segelclub Cham hat dieses Ereignis auf seiner homepage mit einem spannenden Textbericht sehr gut dokumentiert: Bericht über die Wasserhose am 19. Juni 1905.

 

International gibt es seit längerem auch Bestrebungen, für wissenschaftliche Zwecke Beobachtungen von Tornados und Wasserhosen systematisch zu sammeln. Federführend ist dabei das European Severe Storms Laboratory, ESSL, welches in einer europäischen Datenbank, die Sichtung von Wetterereignisse im Zusammenhang mit heftigen Gewittern erfasst. Aber auch in der Schweiz gibt es seit einiger Zeit Bestrebungen Berichte über Wetterextreme wie sie Tornados und Wasserhosen darstellen,  in einer umfassenden Datenbank zu erfassen. Mehr Informationen dazu finden sie im Sturm Archiv Schweiz

Für ein tieferes Verständnis der Erscheinung braucht es sehr feinmaschige Messungen der dreidimensionalen Strömungsverhältnisse vor und während des Auftretens einer Wasserhose. Weder die derzeit verfügbaren Radar- oder Bodenwetterstationen, noch Satelliten oder Computermodell verfügen über die notwendige räumliche Auflösung, um eine Wasserhose nur annähernd zu erfassen oder zu modellieren.

 

Weitere Informationen der MeteoSchweiz zu Tornados und Wasserhosen:

Wetterlexikon "Tornados"

S. Bader, 2001: Tornados in der Schweiz

Publikation A. Piaget:  L'évolution orageuse au nord des Alpes et la tornade du Jura vaudois du 26 aout 1971

 

 

Ergänzung zur exakten Position der Wasserhose (6. Juli 2009)

Die Position der Wasserhose konnte nachträglich noch genauer bestimmt und auf Fotos und Karten eingetragen werden. In den Abbildungen 9 und 10 zeigen die roten Linien den Autobahnabschnitt, von welchem die Fotos gemacht wurden. Der Blickwinkel in der Kameraufnahme ist mit grünen Linien begrenzt. Eine erste grobe Schätzung der Wasserhosen-Position von D. Gerstgrasser (MeteoSchweiz, graue Zone) wurde von Hr. Reich bestätigt und sogar noch präzisiert (roter Punkt). In den beiden Darstellungen wird der Einfluss der lokalen Orographie noch einmal deutlich: nebst dem grossen Taleinschnitt am oberen Ende des Zugersees bei Arth weist der See zwei weitere Engstellen bei Immensee sowie zwischen dem "Chiemen" und dem westlich gegenüberliegenden Ufer bei Utigen auf. Der "Chiemen" ist, im Vergleich zur nahen Rigi oder dem Zugerberg, eine eher kleine Erhebung von gut 600 m ü. M., wirkt aber zumindest für die bodennahe Strömung aus bestimmten Richtungen kanalisierend. Inwiefern solche Effekte beim Wasserhosen-Phänomen mitwirkten, ist jedoch unklar.

 

Abbildung 9: Blick von der Rigi auf den Zugersee an einem Schönwettertag (1. Juli 2009). Foto: D. Gerstgrasser, MeteoSchweiz

Abbildung 9: Blick von der Rigi auf den Zugersee an einem Schönwettertag (1. Juli 2009). Foto: D. Gerstgrasser, MeteoSchweiz

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Abbildung 10: Karte vom oberen Teil des Zugersees mit der Position der Wasserhose. Quelle: maps.google.ch, Illustrationen von D. Gerstgrasser und T. Reich

Abbildung 10: Karte vom oberen Teil des Zugersees mit der Position der Wasserhose. Quelle: maps.google.ch, Illustrationen von D. Gerstgrasser und T. Reich

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