Am 26. Dezember 1999 wurden weite Teile der Schweiz von einem der stärksten, je registrierten Stürme heimgesucht.
In den letzten Tages des Jahres 1999 liefen die Vorbereitungen auf den gefürchteten Millenium-Wechsel auf Hochtouren. Monatelang waren zuvor Katastrophenszenarien im Zusammenhang mit dem historischen Datumswechsel heraufbeschworen worden.
Doch es war keine technische Katastrophe, die uns am Jahresende heimsuchte. Nach einem aussergewöhnlich unwetterträchtigen Jahr, übertraf Lothar mit seiner unheimlichen Wucht sämtliche Vorstellungen und Erfahrungen mit Naturereignissen.
Noch nie hatte in der Schweiz ein Naturereignis Schäden im Umfang von fast 1.8 Milliarden Franken verursacht. Am stärksten betroffen waren der Wald und die Gebäude. 14 Menschen fielen dem Sturm zum Opfer, mindestens 15 starben bei den nachträglichen Räumungsarbeiten.
Anlässlich des 10. Jahrestags von Lothar gehen wir in folgendem Bericht nochmals auf dieses denkwürdige Wetterereignis ein.
Bild 1: Der Sturm am Zugersee. Dieses eindrückliche Foto von Andreas Busslinger (Fotoagentur AURA) zeigt die Wucht des Sturms während des Durchgangs von Lothar an der Zuger-Seepromenade.
| 07.20h: "Die Bodenbeobachtungen von 06 GMT laufen ein, Hauptaugenmerk Frankreich. In Rouen 25.8 hPa Druckabfall in drei Stunden! So etwas habe ich noch nie gesehen über dem Kontinent. Damit wird endgültig klar, dass sich Ausserordentliches anbahnt" |
Bild 2: Zugbahnkarte des Orkan Lothar
Die synoptische Entwicklung des Orkantiefs Lothar
Eugen Müller
Um die Entwicklung eines solch gewaltigen Sturmes wie Lothar zu verstehen, muss man die Grosswetterlage und die Vorgeschichte über dem Nordatlantik und Europa betrachten. Ab dem 20. Dezember 1999 wurden die Strömungsverhältnisse durch ein umfangreiches Tiefdruckgebiet bestimmt, das seinen Schwerpunkt bei Island hatte. Dieses Tief wurde an den folgenden Tagen anhaltend mit polarer Kaltluft aus der Arktis und mit Warmluft vom subtropischen Atlantik gespeist.
Am 24. Dezember 1999 wurde der bis anhin vorhandene Hochdruckkeil über Mittel- und Osteuropa vollständig abgebaut. Somit konnte sich die gestreckte, zonale Höhenströmung über den ganzen Nordatlantik hinweg bis nach Mitteleuropa ausdehnen. Ein in dieser Strömung eingelagertes Randtief verlagerte sich von Irland her unter starker Vertiefung zur Nordsee und drehte schliesslich zu den Färöer Inseln ein, wo es die Position und Funktion des steuernden Zentraltiefs übernahm. Dieser Tiefdruckwirbel erhielt dann den Namen „Kurt“. Die Kaltfront von „Kurt“ überquerte am 25. Dezember 1999 die Schweiz, begleitet von Sturmwinden.
An der zum Zentraltief „Kurt“ gehörende Frontalzone, die sich mittlerweile über den ganzen Atlantik erstreckte, entwickelte sich am späten 24. Dezember 1999 südlich von Neufundland in der unteren Troposphäre eine frontale Welle, deren Luftdruck anfänglich 1005 hPa betrug. Unter stetiger Verstärkung verlagerte sich die frontale Welle innerhalb eines optimalen Umfeldes mit anhaltender Zufuhr von Polarluft sowie von feucht-warmer subtropischer Luft ostwärts. Am 25. Dezember 1999 hatte die bereits zu einer Sekundärzyklone weiterentwickelte Welle einen Kerndruck von 995 hPa. Bis zu diesem Zeitpunkt deutete noch nichts auf eine so extreme Entwicklung hin, wie sie dann am Folgetag eintrat.
Am 26. Dezember 1999 00 UTC befand sich das Sekundärtief, aus dem später das Orkantief Lothar entstand, etwa 300 km südlich von Irland und wies einen Kerndruck von 985 hPa auf. In den nachfolgenden sechs Stunden fand eine Entwicklung statt, die in Europa mindestens in den letzten 30 Jahren noch nie beobachtet worden war. Der Luftdruck im Zentrum des Sekundärtiefs, das sich über Rouen (F) nördlich von Paris befand, fiel um 25 hPa auf 960 hPa. In Rouen selbst wurde ein Druckfall von 26 hPa innerhalb drei Stunden gemessen! Mit der extremen Vertiefung nahmen auch die Windgeschwindigkeiten zu und erreichten über Frankreich bereits Orkanstärke. Diese aussergewöhnliche Entwicklung wurde ermöglicht durch:
- eine sehr stark ausgebildete, zonal ausgerichtete Frontalzone mit grossen Temperaturgegensätzen, was wiederum zu einer sehr starken Höhenströmung (Jetstream) führte
- die optimale vertikale Anordnung und damit die Interaktion zwischen dem Jetstream und dem Bodentief; sowie
- die anhaltende Zufuhr von subtropischer Luft, die reich an Wasserdampf war und über die freigesetzte latente Wärme einen wesentlichen Beitrag zur starken Vertiefung lieferte.
Nach 06 UTC am 26. Dezember 1999 zog das Orkantief Lothar rasch weiter ostwärts über Mitteleuropa hinweg. Dabei traten die stärksten und verheerendsten Winde im südlichen Sektor des Tiefs auf. Die Orkanwinde und die Kaltfront erreichten am späten Vormittag die Schweiz und überzogen bis kurz nach Mittag die ganze Alpennordseite. Lothar füllte sich zu dieser Zeit schon allmählich auf und hatte über Mitteldeutschland noch einen Kerndruck von 975 hPa (Bild 3). Von Deutschland verlagerte sich Lothar nach Polen, wo er sich weiter auffüllte. Dabei nahmen die Windgeschwindigkeiten und die Zerstörungskraft deutlich ab. Die sehr starke westliche Höhenströmung blieb aber bestehen, so dass sich noch ein weiteres Randtief zum Orkan entwickeln konnte. Dieses Orkantief namens Martin zog vom 27. auf den 28. Dezember 1999 auf einer etwas südlicheren Zugbahn ostwärts und verursachte hauptsächlich in Südwestfrankreich grosse Schäden, wobei auch die Westschweiz noch randlich davon betroffen wurde.
| 07.31h: "Interview Radio DRS1: Weise darauf hin, dass ich noch nie eine solche Tiefentwicklung so nahe und so stark gesehen habe. Es sei ein besonders heftiger Sturm zu erwarten. Verhaltenshinweise gegeben. Merkwürdig, dass die Moderatorin nicht nachhakt." 07.35h: "Obwohl jetzt bereits eine ganze Reihe von Stellen über den Sturm informiert sind, bleibt es absolut ruhig bei uns. Kaum ein Anruf, in dem nähere Angaben zum erwarteten Sturm eingeholt werden. Wieso will niemand etwas von unserem Sturm wissen!" |
Sturmszenerie am Zugersee bei Arth
| Bild 4 bis 6: Stephan Lindauer (Arth-online.ch) fotografierte während des Durchzugs von Lothar diese dramatischen Sturmszenerien am oberen Zugersee bei Arth. |
Bild 7: Verlagerung der Kaltfront am 26. Dezember 1999 zwischen 09.20 UTC und 12.00 UTC (10.20 Uhr und 13.00 Uhr Lokalzeit).
gross.gif, 272 KBLothar über der Schweiz
Stephan Bader
Die Kaltfront des Orkans erfasste die Schweiz um etwa 09.00 UTC im Bereich des Neuenburger Jura. Ungewöhnlich keilförmig ausgeprägt überquerte sie in der folgenden halben Stunde die Jurahöhen (Bild 7). In La Brévine erreichte die Windspitze 157 km/h, in Delémont gar 170 km/h. Selbst auf dem 1600 m ü.M. liegenden Chasseral wurden mit 177 km/h nur unwesentlich höhere Windspitzen gemessen.
Schneller Vorstoss ins Mittelland
Nach der Überwindung des Jura wälzte sich die Kaltfront mit enormer Geschwindigkeit hinab ins westliche Mittelland und stiess immer noch keilförmig gegen Osten zur Zentralschweiz vor. Die Keilspitze bewegte sich offenbar phasenweise mit einer Geschwindigkeit von rund 150 km/h. Denn zwischen 10.00 und 10.10 UTC, knapp 20 Minuten nach der Juraüberquerung, erreichte der östliche Teil der Kaltfront bereits die Innerschweiz. Zur gleichen Zeit liess der südliche Abschnitt der Kaltfront Bern hinter sich und begann nur wenig später in die Alpen vorzudringen.
| 08.30-08.40h: "Zweiter Wetterbericht für Radio und Telefon 162 redigiert und vermittelt. Zusatzhinweis im Flash: Achtung: Aus Westen zeitweise heftige Sturmwinde. In allgemeiner Lage: ... Ein heftiger Sturm wird über die Alpennordseite hinwegfegen mit Windspitzen von 90-150 km/h im Flachland und 120-200 km/h in höheren Lagen." |
Auszug aus dem Logbuch des Meteorologen Gaudenz Truog, verantwortlicher Schichtleiter MeteoZürich am 26. Dezember 1999
Bild 8: Diese aussergewöhnliche Momentaufnahme von Christian Häfliger aus Büren NW zeigt die Wucht der Windböen. Das Haus wurde kurz nach der Aufnahme komplett zerstört.
Gleichzeitig heftiger Föhn über den Alpen
Kurz nach 10.00 UTC verlangsamte sich die Vorwärtsbewegung der Kaltfront auf der Ostseite. In der Zentralschweiz stiess Lothar auf den Föhn. Verursacht durch das nördlich der Schweiz vorbeiziehende Tiefdruckzentrum, baute sich über dem Alpenraum ein grosses Süd-Nord Druckgefälle auf. Dies löste vor der herannahenden Front vorübergehend eine heftige Föhnströmung aus.
Während sich die Kaltfront in der Zentralschweiz verlangsamte, wälzten sich die Luftmassen entlang des Thuner- und Brienzersees mit grosser Wucht ins Berner Oberland hinein. Dabei stieg in Brienz die Windspitze auf den ausserordentlich hohen Wert von 181 km/h. Bis gegen 10.30 UTC konnte sich schliesslich eine breite Kaltfront entlang des westlichen Alpennordhangs und über das zentrale Mittelland formieren (Bild 7).
Das Berner Oberland war die einzige Region, in welcher die Kaltfront grossflächig etwas tiefer ins Alpeninnere vorzustossen vermochte. Allerdings kann der Verlauf der Kaltfront hier nur lückenhaft rekonstruiert werden, da lediglich die Messstationen Boltigen (Simmental) und Adelboden zur Verfügung stehen. Boltigen wurde von der Kaltfront mit Windspitzen von über 150 km/h um etwa 10.30 UTC erreicht. In Adelboden hingegen traten die maximalen Windspitzen von 120 km/h bereits vor 10.00 UTC auf, und zwar aus Richtung Südsüdwest. Es scheint demnach, dass in gewissen Tälern des Berner Oberlands nicht die vorrückende Kaltfront, sondern der durch das Sturmtief ausgelöste Föhn die höchsten Windspitzen entwickelte.
Schneller Abzug über die Ostschweiz
Durch die schnelle Ostwärtsverlagerung des Tiefdruckzentrums über Deutschland erhielt die Kaltfront eine west-östliche Ausrichtung. Während sie sich in der Zentralschweiz nur langsam Richtung Osten bewegte, stiess sie in knapp einer Stunde vom Rhein Richtung Süden bis zum Alpennordrand vor. Durch diese sogenannte schleifende Südwärtsbewegung der Kaltfront wurde die Ostschweiz in kurzer Zeit grossflächig vom Orkan erfasst, und die kalten Luftmassen wurden als Folge des Druckanstiegs im Mittelland mit hoher Geschwindigkeit ab ca. 12.00 UTC ins Reuss- und ins Rheintal gedrängt.
| 11.15-11.45h: "Der Sturm überquert fahrplanmässig Zürich. Es wird schwarz über dem Üetliberg, dann die unglaublich heftigen Windstösse, Fenster zittern, starker Regen. Bei uns nichts von Verwüstungen zu sehen. Doch von alldem kriege ich relativ wenig mit. Zuviel Arbeit ist zu erledigen." |
Wie häufig ist ein Sturm von der Stärke Lothars zu erwarten?
Aktuelle statistische Analysen zur Häufigkeit von hohen Windgeschwindigkeiten in der Schweiz liegen von einer grösseren Anzahl von Messreihen für die Messperiode 1981-2007 vor. Bericht: Die Häufigkeit von extremen Windgeschwindigkeiten in der Schweiz
Aus diesen Analysen wird ersichtlich, dass ein Sturm der Stärke Lothars im Flachland der Alpennordseite je nach Messstandort im Durchschnitt etwa alle 20 bis alle 100 Jahre zu erwarten ist. An einigen Messstandorten ergeben sich allerdings auch Wiederkehrperioden von deutlich über 100 Jahren.
Bei der Diskussion solcher Wiederkehrperioden ist ganz wesentlich zu bedenken, dass die statistische Bestimmung der Wiederkehrperioden extremer Windgeschwindigkeiten mit grossen Unsicherheiten verbunden ist. In Basel lag die Windspitze während Lothar bei 147 km/h. Diese Windspitze tritt in Basel gemäss statistischer Analyse im Durchschnitt etwa alle 20 Jahre auf. Dies entspricht aber nur der besten Schätzung. Auf Grund der Unsicherheit dieser Schätzung muss davon ausgegangen werden, dass die Wiederkehrperiode zwischen 6 und 80 Jahren liegt.
Die Entstehung des heutigen Verfahrens der Unwetterwarnungen
Bild 9: Die neuen Warnregionen der MeteoSchweiz
Die Warntätigkeit der seinerzeitigen Meteorologischen Central Anstalt begann 1934, als erstmals vor böigem Wind an den Seen gewarnt wurde. Grossereignisse wurden ab 1983 gewarnt, indem man versuchte, die Behörden des Tessins im Vorfeld von Starkniederschlägen zu informieren.
Im Jahr 1999 wurde die Schweiz von zahlreichen verheerenden Unwetterereignissen heimgesucht. Für die enormen Schneefälle, besonders von Ende Januar bis Ende Februar, war durch MeteoSchweiz gerade rechtzeitig ein neuartiges Warnverfahren in Betrieb genommen worden. Damit konnte das SLF vor Neuschneefällen von 1 Meter innert 3 Tagen gewarnt werden. Im Frühling ereigneten sich verschiedene Episoden von Hochwasser. Zuerst gab es in diversen Regionen des Mittellandes Probleme durch das Zusammenwirken von schmelzendem Schnee und Regenfällen. Im Mai fielen sehr starke Niederschläge bei hoher Schneefallgrenze, sodass die meisten Seen und Flüsse der Alpennordseite Hochwasser führten, zum Teil mit gravierenden Auswirkungen. MeteoSchweiz machte sich daher Gedanken, wie man Bevölkerung und Behörden über solche drohende Probleme rechtzeitig informieren könnte. Dies führte zur Planung eines Unwetter Warnverfahrens.
Lothar gab diesen Bestrebungen einen unerwarteten kräftigen Schub. Auch sorgte ein Vorstoss im nationalen Parlament dafür, dass die Arbeiten zur Einführung von Unwetterwarnungen intensiviert wurden. Bei MeteoSchweiz wurde eine Projektgruppe aktiv, die sich mit deren Konkretisierung befasste. Unter anderem wurden die Kantonsbehörden befragt, wovor denn gewarnt werden muss. Nochmaliger Schub ergab sich durch die Unwetterkatastrophe von Gondo Mitte Oktober 2000.
So wurde schliesslich per Anfang 2001 ein Unwetter Warnkonzept in Betrieb genommen, das für die ganze Schweiz nach abgesprochenen Kriterien vor Sturm, Starkregen, Starkschneefall und starkem vereisendem Regen warnen sollte. Dieses Verfahren wurde im Dialog mit den kantonalen Verantwortlichen weiter entwickelt. So wurden z.B. ab November 2001 jährlich in Zürich und Genève Unwetter Warnkonferenzen abgehalten, an denen total je 30-50 Verantwortliche der Kantone und des Bundes teilnahmen. Auch die interne Ausbildung der Prognostiker war ein Schwerpunkt der Aktivitäten. Im Sommer 2006 wurde das Warnverfahren “FLASH ORAGES“ definitiv in Betrieb genommen. Damit wurde es möglich, vor relativ kleinräumigen heftigen Gewittern zu warnen, allerdings mit nur kurzen Vorlaufzeiten.
Seit dem Frühling 2009 warnt MeteoSchweiz mit einem grundlegend erneuerten Produktionsschema. Gleichzeitig wurde die Anzahl der gewarnten Regionen beträchtlich vergrössert, von 14 auf 138 (siehe Bild 9). Damit können die Gebiete besser definiert werden, oder bei kleinräumigen Phänomenen wie Gewittern müssen nicht unnötig grosse Gebiete gewarnt werden. Alle Warnungen werden natürlich auch auf der Homepage von MeteoSchweiz dargestellt.
Die Qualität der Unwetterwarnungen lässt sich sehen. Rund 90% der Ereignisse werden korrekt detektiert, die Quote der überflüssigen Warnungen beträgt rund 40%. Und die Präzision der Warnungen wird laufend verbessert. Aber perfekte Warnungen werden nie möglich sein, müssen doch Extremereignisse prognostiziert werden, was stets eine grosse Herausforderung bedeutet.
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14.00-14.40h: "Diskussion, Aufbereitung des Ereignisses. Einführung Spätdienstmeteorologe."
14.40h: "Feierabend, ausgelaugt, müde. Die Gedanken kreisen weiter. Habe ich alles gemacht, was in meinen Möglichkeiten stand? Was wäre besser gewesen? Wo hätte ich anders reagieren sollen?" |









