MeteoSchweiz

Aktuelles zum Wettergeschehen

29. Mai 2008 / Andreas Hostettler, Stefan Bader

 

Föhnsturm und Saharasand 27./28. Mai 2008

 

Hochsommerlicher Witterungsabschnitt Ende Mai 2008

Nach einer stabilen und hochdruckbestimmten ersten Maidekade verflachte sich in der zweiten Maihälfte die Druckverteilung über Mitteleuropa. Über Südwesteuropa stellte sich zunehmende Tiefdrucktätigkeit ein; die Höhenströmung drehte grossräumig auf Süd bis Südwest. Somit war das Schweizerwetter in der zweiten Maihälfte von feuchten Staulagen auf der Alpensüdseite und recht häufigen Föhnlagen auf der Alpennordseite geprägt.

Am Wochenende vom 24./25. Mai 2008 dehnte sich ein Höhentrog von der Biskaya allmählich gegen Nordafrika aus und die Höhenströmung drehte über dem Alpenraum auf südliche Richtungen. Im Laufe des Montags, 26.05.08 und besonders am Dienstag, 27.05.08 wurde so kontinentale Tropikluft aus der Sahara gegen die Alpen transportiert. (Bild 1 und 2).

 

Bodenkarte mit Fronten, Montag, 26.05.08, 12 UTC

Bild 1: Bodenkarte mit Fronten, Montag, 26. Mai 2008, 12 UTC

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Höhenkarte 500 hPa, Montag, 26.05.08, 12 UTC

Bild 2: Höhenkarte 500 hPa (5730 m), Montag, 26. Mai 2008, 12 UTC

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Über dem Mittelmeer verstärkte sich durch den Zustrom der warmen Luftmassen ein Höhenrücken und dehnte sich gegen den Alpenraum aus. Dadurch wurde die Frontalzone, welche bis Montag in den westlichen Regionen der Schweiz für einige Schauer und Gewitter sorgte, wieder gegen Zentralfrankreich zurückgedrängt.

 

Sturm in den Bergen

Durch die Ausdehnung des Höhenrückens gegen Westen verstärkten sich die Druckgradienten über dem Alpenraum massiv. Die Südströmung über den Alpen war besonders in mittleren Höhen sehr ausgeprägt. (Bild 3).

In den Alpen wurden am Dienstag, 27. Mai 2008 für die Jahreszeit aussergewöhnlich hohe Windspitzen gemessen. Auf dem Gütsch ob Andermatt (2287 m) wurde mit 180 km/h die höchste Böenspitze im Mai seit Beginn der automatischen Messungen 1981 registriert. (Bild 4)

 

Geopotential und Wind 700 hPa (rund 3100 m) Temperaturflächen 500 hPa, Dienstag, 27.05.08, 18 UTC

Bild 3: Geopotential und Wind 700 hPa (rund 3100 m), Temperaturflächen 500 hPa, Dienstag, 27. Mai 2008, 18 UTC

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Windspitzen Stationen oberhalb 2000 m, Dienstag 27.05.08

Bild 4: Windspitzen Stationen oberhalb 2000 m, Dienstag 27. Mai 2008

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Erster Hitzetag im Flachland

Nicht nur der Wind war bei dieser besonderen Wetterlage ein Thema, sondern auch die hochsommerlichen Temperaturen. Von den Wettermodellen wurden schon Tage im Voraus für den Dienstag extrem hohe Temperaturen berechnet. Verbreitete Mairekordwerte von teils weit über 30 Grad schienen bei dieser Luftmasse tatsächlich möglich zu sein. Trotzdem registrierten nur einzelne Stationen Höchsttemperaturen knapp im Hitzebereich. Was war passiert?

Durch die südliche Anströmung wurde entlang des Alpenkamms sogenannte Leebewölkung in grosser Höhe ausgelöst. Ein Phänomen, das sonst besonders auf der Alpensüdseite bei kräftigen nördlichen Höhenwinden auftritt. Diese dichten hohen Wolkenfelder sorgten dafür, dass besonders im nordöstlichen Alpenvorland, wo die höchsten Temperaturen zu erwarten waren, nur wenige Sonnenstunden registriert wurden. (Bild 5 und 6). Zudem dämpfte auch der zunehmende Wüstenstaub in der Atmosphäre die Strahlung. Trotzdem stiegen die Höchsttemperaturen auf Werte, wie sie sonst im Mai nur selten registriert werden. (Bild 7)

 

Meteosat-9 RGB Satellitenbild, Dienstag, 27.05.08, 12 UTC

Bild 5: Meteosat-9 RGB Satellitenbild überlagert mit 700 hPa Windpfeilen, Dienstag, 27. Mai 2008, 12 UTC

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Leewolken über Vorarlberg, Dienstag, 27.05.08, ca. 13 Uhr

Bild 6: Leewolken über Vorarlberg, Dienstag, 27.05.08, ca. 13 Uhr (Photo Daniel Gerstgrasser)

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Tageshöchsttemperaturen, Dienstag, 27.05.08

Bild 7: Tageshöchsttemperaturen, Dienstag, 27. Mai 2008

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Heftiger Föhnsturm in der Nacht auf Mittwoch, 28. Mai 2008

Trotz der ausgeprägten Föhnlage nördlich der Alpen war es für einmal auch südlich der Alpen recht sonnig. Im Mittel- und Südtessin wurden am Dienstag, 27. Mai 2008 verbreitet 7 bis knapp 10 Sonnenstunden registriert. In den Abend- und Nachtstunden labilisierte sich allerdings die Luftschichtung zunehmend; es bildeten sich rasch Schauer- und Gewitterzellen welche mit den starken Südwinden über den Alpenkamm hinausgetragen wurden. In den nördlichen Alpentälern kam es zu einer sogenannten Dimmerföhn-Situation. Durch die Niederschläge kühlte sich die Föhnluft in den oberen Alpentälern ab. Dadurch verstärkte sich gegen Mitternacht der Druckgradient gegen die unteren Alpentäler. Auf den untenstehenden Bildern ist zu sehen, wie sich mit den über die Alpen ziehenden Niederschlägen eine eigentliche Druckwelle weit ins Alpenvorland aufgebaut hatte. (Bild 8 bis 10).

 

Radarbild überlagert mit Isobaren und Bodenwinden, Dienstag, 27.05.08, 21 UTC

Bild 8: Radarbild überlagert mit Isobaren und Bodenwinden, Dienstag, 27.05.08, 21 UTC

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Radarbild überlagert mit Isobaren und Bodenwinden, Dienstag, 27.05.08, 22 UTC

Bild 9: Radarbild überlagert mit Isobaren und Bodenwinden, Dienstag, 27.05.08, 22 UTC

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Radarbild überlagert mit Isobaren und Bodenwinden, Dienstag, 27.05.08, 23 UTC

Bild 10: Radarbild überlagert mit Isobaren und Bodenwinden, Dienstag, 27.05.08, 23 UTC

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Der Föhn fegte mit Sturmstärke die Alpentäler hinunter und stiess weit ins Mittelland vor und sorgte vielerorts für eine weitere Tropennacht.

 

In den Alpentälern und teils auch in den angrenzenden Gebieten war der Sturm das prägende Element und sorgte für Wald- und Sachschäden. (Bild 12 bis 14).  In Brienz wurden gegen 01 Uhr Spitzengeschwindigkeiten von 132 km/h, 1 Stunde später in Glarus 136 km/h gemessen. Dies ist ein Wert, der in den letzten 40 Jahren bei Föhnstürmen in Glarus nur selten registriert wurde. In Brienz war dies die höchste Föhnböe seit Messbeginn 1992. (Bild 11).

 

Windspitzen 27./28. Mai 2008

Bild 11: Windspitzen 27./28. Mai 2008

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Sturmschaden im Glarnerland (Photo: Die Südostschweiz)

Bild 12: Sturmschaden im Glarnerland (Photo: Die Südostschweiz)

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Sturmschaden im Glarnerland (Photo: Die Südostschweiz)

Bild 13: Sturmschaden im Glarnerland (Photo: Die Südostschweiz)

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Sturmschaden im Glarnerland (Photo: Die Südostschweiz)

Bild 14: Sturmschaden im Glarnerland (Photo: Die Südostschweiz)

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Saharastaub

Wie eingangs erwähnt, wurde im Laufe des Montags, 26. Mai 2008 bis zum Mittwoch 28. Mai 2008 kontinentale Tropikluft von Afrika gegen die Alpen transportiert. Die Luftmasse in mittleren Höhenschichten (rund 3000-5500 Meter) stammte aus dem Gebiet der südlichen Sahara (Bild 15 und 16).

Aus der Sahara wurden grosse Mengen von Staub oder Sand über die Alpen verfrachtet. Die Sicht wurde zunehmend schlecht. Am Mittwoch, 28. Mai 2008 wurde die maximale Konzentration der Aerosolteilchen erreicht. Insbesondere in Graubünden war der Sand und Staubgehalt sehr hoch, was sich auch an den Feinstaubmesswerten feststellen liess. Mit der fahlgelben Färbung des Himmels entstanden eigenartige und hierzulande ziemlich exotische Stimmungen, wie untenstehende Bilder aus unserem Webcam-Netz veranschaulichen. (Bild 17 bis 19) 

 

Trajektorienberechnung aus dem Europäischen Wettermodell.

Bild 15: Trajektorienberechnung aus dem Europäischen Wettermodell. Startpunkt der Rückwärtstrajektorienberechnung: Chur, Mittwoch, 28. Mai 2008 18 UTC. Dargestellt ist der zeitliche und örtliche Verlauf der Luftpakete in verschiedenen Höhen. Endpunkt der Berechnung: Mali/Algerien Montag, 26. Mai 2008 18 UTC

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Meteosat-9 IR-Satellitenbild, Mittwoch 28.05.08, 12 UTC

Bild 16: Meteosat-9 IR-Satellitenbild, Mittwoch 28.05.08, 12 UTC (Der Saharastaub wird durch weiss-fahle Dunstschleier, besonders gut über dem Mittelmeer sichtbar, markiert).

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Webcam Bild Novazzano, Mittwoch, 28.05.08, 0430 UTC

Bild 17: Webcam Bild Novazzano, Mittwoch, 28.05.08, 0430 UTC

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Webcam Bild Murtel, Mittwoch, 28.05.08, 1830 UTC

Bild 18: Webcam Bild Murtel, Mittwoch, 28.05.08, 1830 UTC

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Webcam Bild Frauenfeld, Mittwoch, 28.05.08, 1900 UTC

Bild 19: Webcam Bild Frauenfeld, Mittwoch, 28.05.08, 1900 UTC

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Beschleunigte Schneeschmelze

Die hohen Temperaturen und die oftmals bewölkten Nächte hatten auch Auswirkungen auf die Schneedecke in den mittleren und höheren Lagen. So reduzierte sich beispielsweise die Schneehöhe am Grimsel Hospiz (1980 m) während der wärmsten Phase täglich um bis zu 20 cm. So konnte der Wetterbeobachter am 22. Mai 2008 noch eine Schneehöhe von 160 cm messen, am Morgen des 29. Mai 2008 lagen nur mehr 60 cm Schnee auf dem Messfeld.

Der abgelagerte Saharastaub führt durch die Verminderung der Reflexion der Sonnenstrahlung ebenso zu einer beschleunigten Schneeschmelze. Wird der Staubhorizont im Hochgebirge überschneit, so kann dieser später bei Schneedeckenuntersuchungen zur Datierung verwendet werden.

 

Tropennächte im Mai sind selten

Die mehrtägige ausgeprägte Föhnperiode ab dem 24. Mai 2008 hat neben den hohen Temperaturen tagsüber, auch nachts zu ungewöhnlich hohen Temperaturen geführt. Sinken die Temperaturen während der ganzen Nacht (18.00 UTC bis 06.00 UTC) nie unter 20 Grad, spricht man von einer Tropennacht.

Die klassische Föhnstation Altdorf erlebte gleich zwei Tropennächte in Folge vom 25. auf den 26. Mai mit Temperaturen um 22 Grad so wie vom 26. auf den 27. Mai mit Temperaturen zwischen 22 und 24 Grad. Vom 27. auf den 28. Mai, der Nacht mit den höchsten Windgeschwindigkeiten, traten die hohen Temperaturen mit über 24 Grad erst in der zweiten Nachthälfte auf, somit gilt sie hier nicht als Tropennacht.

In Glarus lagen die Nachttemperaturen vom 27. auf den 28. Mai zwischen 23 und über 26 Grad. In der Nacht zuvor wurden 20 Grad nur knapp unterschritten. Damit reichte es nicht ganz für eine Tropennacht, obwohl die Temperaturen während eines grossen Teils der Nacht zwischen 24 und 25 Grad lagen, in den letzten zwei Stunden aber unter die 20 Grad Marke sanken. Vom Empfinden her also sicher eine Tropennacht, gemäss den Bedingungen jedoch nicht.

In Vaduz wurde eine Tropennacht vom 26. auf den 27. Mai registriert mit Temperaturen zwischen 22 und über 26 Grad. In der Folgenacht gab es hier in der ersten Nachthälfte eine kurze Abkühlung unter 20 Grad, während die Temperaturen in der zweiten Nachthälfte permanent um 26 Grad lagen. Subjektiv also auch hier eine Tropennacht, objektiv jedoch nicht.

Tropennächte im Mai sind selten. Gut nachweisbar sind sie seit Beginn der kontinuierlichen Messungen im Jahr 1981. In Altdorf sind in dieser Zeit bisher nur vier Fälle aufgetreten (1985, 1997, zweimal im Mai 2003). In Glarus ist es seit 1981 die erste Tropenacht im Mai, und in Vaduz traten die ersten zwei Mai-Tropennächte seit 1981 im Jahr 2003 auf.

St. Gallen ging im Mai 2003 haarscharf an einer Tropennacht vorbei – es fehlte nur eine Stunde -, sodass nun das Jahr 2008 die ersten beiden Mai-Tropennächte seit 1981 brachte.

 

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